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"Nein-Sagen" - eine echte Kernkompetenz!

Als Ausdruck persönlicher Autonomie wird das "Nein-Sagen" in der kindlichen Entwicklung oft zum Ausgangspunkt von Konflikten zwischen Eltern und Kind. Weil frühe Lernerfahrungen so nachhaltig sind, taucht das Thema oft im Erwachsenenleben wieder auf.

Schon bevor sie überhaupt gelernt haben zu sprechen, können Kinder schon Nein-Sagen; sie schütteln einfach unmissverständlich ihren Kopf. Die meisten Eltern finden das bei ihren Einjährigen auch noch ausgesprochen putzig. Allerdings wird dieser Anspruch an eine persönliche Autonomie in der weiteren Entwicklung oft zum Ausgangspunkt von Konflikten zwischen Eltern und Kind.

Weil frühe Lernerfahrungen sehr nachhaltig sind, taucht das Thema auch im Erwachsenenleben immer wieder auf, beispielsweise durch die Fragestellung, ob und wie wir anderen Grenzen setzen dürfen. Dabei ist das Nein-Sagen-Können eine notwendige Voraussetzung, um sich von anderen abzugrenzen und zu einem eigenständigen Erwachsenen zu werden.

Wenn ich mit Menschen arbeite, die sich einer starken Überforderung aussetzen oder sogar depressive Episoden erleben, ist das Nicht-Nein-Sagen-Können fast immer ein zentrales Thema. Mit den inneren Antreibern "Streng´Dich an" oder "Sei immer liebenswert" (siehe Antreiber-Test), tappen wir besonders leicht in die Falle des reflexhaften Ja-Sagens: "Klar schaffe ich das!" und "Selbstverständlich springe ich da ein!"

Wenn es uns schwer fällt, die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen, liegt es oft an den Grundannahmen über die möglichen Auswirkungen unseres Verhaltens:

Leider übersehen wir dabei immer, dass auch das Ja-Sagen einen Preis hat:

Was sind Ihre Annahmen über die Konsequenzen des Nein-Sagens?

Erfahren Sie hier welche Befürchtungen meist dahinter stecken und wie ein Perspektivwechsel uns mehr Flexibilität verschaffen kann.

Kommt (gesunder) Egoismus im vorherrschenden gesellschaftlichen Wertekanon vielleicht zu schlecht weg?

1. Wenn ich jemandem eine Bitte abschlage, bin ich egoistisch!

Ja, ganz bestimmt! Und - Hilfsbereitschaft ist auch eine absolut wünschenswerte Eigenschaft. Aber ist der andere mit seinen Erwartungen nicht vielleicht ebenso „egoistisch“?
Möglicherweise landen auf Ihrem Schreibtisch bestimmte Extra-Aufgaben nur, weil sie so pflegeleicht sind. Sie lassen Ihre Verabredung zum abendlichen Sport selbstverständlich sausen, während andere Kollegen Grenzen setzen, ihr Pensum entspannt abarbeiten und pünktlich nach Hause gehen.

Falls Sie feststellen, dass Sie von anderen so stark eingespannt werden, dass eigene Wünsche auf der Strecke bleiben, dann ist Egoismus Ihre neue Tugend!

2. Wenn ich Grenzen setze, bin ich schuld daran, wenn der andere enttäuscht ist oder in die Bredouille gerät!

Ein Nein wird andere möglicherweise enttäuschen oder zumindest überraschen. Jedoch ist es nicht ungefährlich, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass andere klarkommen und Ihre Ziele erreichen. Denn sehr leicht wird man in die Tages- oder sogar Lebensplanung anderer mit eingebaut - ohne Rücksprache, quasi als frei verfügbare Ressource. Gerade in Familien findet man solche Konstrukte recht häufig. Das ist aber kein win-win, sondern eher ein lose-lose Arrangement, denn beide Seiten verlieren auf Dauer an Autonomie.

Ja, Enttäuschung ist ganz natürlich, wenn man ein Nein bekommt, wo man ein Ja erwartet hat. Wir können das anderen aber durchaus zumuten, insbesondere wenn wir unsere Entscheidung erklären und nachvollziehbar machen. Dann dürfen wir sogar Verständnis und Akzeptanz erwarten. Mancher tut sich genau damit aber schwer, womit wir zur nächsten Befürchtung kommen.

3. Wenn ich jemandem Grenzen setze, reagiert er möglicherweise verärgert oder aggressiv.

Es gibt tatsächlich erwachsene Menschen, die richtig laut werden oder sogar herumtoben, wenn etwas nicht ganz nach Gusto läuft. Mich erinnert das immer an Kinder, die an der Supermarktkasse solange Aufstand machen, bis die Eltern leicht beschämt und total entnervt den gewünschten Schokoriegel dann doch mit einpacken: "Na gut, damit Du Ruhe gibst!". Manche scheinen dieses Verhalten - quasi als vielfach erprobtes Erfolgsmodell - auch als Erwachsene nicht aufgeben zu wollen.

Sie sollten sich diese "Ausraster" aber nicht bieten lassen, auch nicht von einem Vorgesetzten. Brechen Sie Gespräche ab, wenn jemand zu heftig wird: "Sie werden mir gerade zu laut. Ich werde das Gespräch jetzt beenden, wir können aber gerne weiter reden, wenn das wieder ruhig und sachlich möglich ist."

Merke: Gegenseitiger Respekt und die Akzeptanz unterschiedlicher Perspektiven sind die Basis jeder guten Beziehung, egal ob im privaten oder beruflichen Kontext.
Wenn Harmonie nur besteht, weil Sie klein beigeben und das tun, was einem anderen gefällt, ist der Preis auf Dauer sehr hoch. Sie verlieren an Respekt, auch für sich selbst.

4. Wenn ich anfange Grenzen zu setzen, werden andere das umgekehrt auch tun.

Ja, gut möglich, vielleicht traut sich jetzt auch der Andere eher mal, Ihnen etwas abzuschlagen. Tut derjenige das genauso wertschätzend wie Sie, werden Sie aber sicher damit zurechtkommen, oder?
Auf jeden Fall werden Sie im Umgang miteinander ehrlicher und authentischer. Die Fassade einer oberflächlichen Nettigkeit bröckelt vielleicht etwas, aber dahinter könnte echte Verbindung zum Vorschein kommen. Die Verbindung zu sich selbst, mit Wissen um die eigenen Grenzen, beispielsweise an Belastbarkeit. Und die Verbindung zum Anderen, der uns kennenlernen darf und uns damit auch anders begegnen kann, beispielsweise indem er Verständnis zeigt oder uns wiederum selbst Unterstützung anbietet.

Sobald Sie sich bewusst gemacht haben, weshalb Ihnen das Nein-Sagen manchmal schwer fällt, wird es auch schon leichter.
Hier kommen Tipps für die Umsetzung!

10 Tipps für ein souveränes Nein

  1. Bedenkzeit erbitten: Der erste Schritt zum Nein ist die Bitte um Bedenkzeit. So wird der automatische Ja-Impuls ausgeschaltet. Sie können in aller Ruhe überlegen, ob Sie zum Beispiel einen Auftrag annehmen möchten oder nicht.

  2. Alternativen anbieten: Ein schroffes Nein kann Chef, Kollegen oder Kunden vor den Kopf stoßen. Besser: Bieten Sie Alternativen an. Erklären Sie, bis wann Sie eine Arbeit erledigen können oder empfehlen Sie einen „Experten“, der weiterhelfen kann. So zeigen Sie Interesse und Hilfsbereitschaft.

  3. Gelassen bleiben: Ein Nein muss nicht entschuldigend hervorgebracht werden. Sie können dabei im Tonfall einfach neutral bleiben. So wirkt es ganz selbstverständlich und souverän.

  4. Höfliche Hartnäckigkeit: Nicht immer wird ein Nein sofort akzeptiert, häufig ist es nötig, den Überredungsversuchen des Gegenübers standzuhalten. Wichtig auch hierbei: Möglichst ruhig und gelassen bleiben. Und Konsequent!

  5. Prinzipien festlegen: Prinzipien sind wichtig, um nicht jedes Mal durch eine Anfrage aufs Neue in Argumentationsnot gebracht zu werden. Hinzu kommt: Wer etwa aus Prinzip an freien Tagen nicht erreichbar ist, gibt auch seinem Gegenüber ein besseres Gefühl. Denn so richtet sich das Nein nicht gegen ihn persönlich.

  6. Den Preis des Ja-Sagens kennen: Wer Ja sagt, sagt ganz automatisch auch Nein. Wer beispielsweise Ja zu Überstunden sagt, sagt Nein zu Freunden oder Familie. Dies gilt es im Auge zu behalten, wenn ein Ja mal wieder spontan über die Lippen gehen will.

  7. Strategien des Gegenübers erkennen: Häufig versuchen unsere Verhandlungspartner, uns zu schmeicheln, ein schlechtes Gewissen zu machen oder gar zu drohen. Sobald Sie sich diese Strategien einmal bewusst gemacht haben, wird es leichter, sich davon nicht länger einwickeln zu lassen. Je nach Situation können Sie das auch offen ansprechen: "Verstehe ich das gerade richtig, dass Sie mir ein schlechtes Gewissen machen wollen?".

  8. Eigene Ziele formulieren: Nur wer seine eigenen Werte und Bedürfnisse kennt und weiß, wo er hin will, hat einen guten Wegweiser durch das tägliche Entscheidungsdickicht. Wer zu seinen eigenen Zielen Ja sagt, sagt leichter Nein zu unerwünschten Forderungen und Aufgaben.

  9. Emotionen managen: Das Nein-Sagen kann von unguten Gefühlen begleitet sein. Das bedeutet aber nicht, dass Sie besser Ja gesagt hätten. Vielmehr ist es wichtig, zu seinen Entscheidungen zu stehen und auch negative Reaktionen aushalten zu können.

  10. Networking: Um sich nicht von Einzelnen abhängig zu machen, ist ein stabiles soziales Netz sehr wichtig. Denn: Alternativen im Hintergrund nehmen die Angst vor den negativen Folgen des Nein-Sagens.

Wer sich häufiger traut "Nein" zu sagen, kann mit mehr Energie und wirklich von Herzen dann auch "Ja" sagen!


Über die Autorin:

Kerstin March ist Diplom-Psychologin, Dozentin und Coach. Sie hilft Unternehmen, psychische Belastungen am Arbeitsplatz zu reduzieren und Mitarbeiter nachhaltig fit zu machen. Ihr Blog und die kostenfreien Video-Coachings unterstützen Interessierte dabei, ihren Job mit mehr Kompetenz und Gelassenheit anzugehen!

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