Warum Introvertierte oft unterschätzt werden!
Forscher gehen davon aus, dass 30 -50 % der Menschen zu den Introvertierten gehören. Wenn Sie wissen wollen, ob auch Sie dazu gehören, versuchen Sie es mal mit diesem QuickCheck:
- Die Mitmenschen erschöpfen Sie: Fühlen Sie sich ausgelaugt, nachdem Sie von einer Veranstaltung mit vielen Menschen zurückkommen? Auch wenn Sie mit engen Freunden zusammenwaren, spüren Sie hinterher das Bedürfnis nach ein bisschen Rückzug.
- Ein Rückzug füllt Ihre Reserven wieder auf: Nach einem ruhigen Nachmittag alleine, fühlen Sie sich wieder entspannt und erholt. Trotzdem verbringen viele Introvertierte gerne Zeit mit Ihrem Freundeskreis. Nur brauchen sie danach Zeit für sich, um wieder Energie zu tanken.
- Rückzug macht Sie kreativ: Interessante Ideen oder kreative Lösungen kommen Ihnen oft, wenn Sie allein sind. Wenn Sie nach einer Diskussion das besprochene Thema allein nochmal durchdenken, kommen Sie oft zu einer noch besseren Lösung.
- Sie meiden Reizüberflutung: In einer hektischen und belebten Umgebung fühlen Sie sich abgelenkt und können Sie nicht so gut konzentrieren. Zahlreiche Studien belegen inzwischen, dass es Introvertierten schwerer fällt, Stimulation von außen einfach auszufiltern. Deswegen lieben introvertierte Menschen oft eine reizarme und stille Umgebung beim Arbeiten.
- Ihr Freundeskreis ist überschaubar: Introvertierte haben lieber wenige, intensiv gepflegte Freundschaften, statt eines großen Freundeskreises. Gerade weil das Interagieren mit anderen für Introvertierte leicht zum Kraftakt wird, gehen Sie bei der Auswahl Ihres sozialen Umfelds selektiver vor.
Erkennen Sie sich in manchen Aspekten wieder? Ich selbst kann bei allen fünf Punkten einen Haken machen.
Übrigens ist man nicht entweder intro- oder extravertiert. Wir können uns eine Skala vorstellen mit Introversion und Extraversion an den Polen. Und irgendwo auf dieser Skala befinden wir uns.
Ich beispielsweise liege da etwa mittig, das nennt sich ambivertiert. Da hat man auch extravertierte Anteile in der Persönlichkeit; ich arbeite beispielsweise gerne und viel mit Gruppen, aber ich brauche viel mehr Rückzug als ein noch extravertierterer Mensch.
Es gibt bedeutsame Unterschiede in der Hirnphysiologie. Der Psychologe Jerome Kagan hat zu Hochsensibilität und Temperament geforscht. Er hat untersucht, wie unterschiedlich schon Säuglinge auf bestimmte Reize von außen reagieren.
Dabei hat er festgestellt: die Kinder, die im Vergleich zu anderen Kindern stärker reagiert hatten, gehörten als Erwachsene zu den eher introvertierten Persönlichkeiten.
Die „Stillen" haben offensichtlich von Natur aus eine höhere Gehirnaktivität, auch ohne Reize von außen. Damit erklärt sich auch das stärkere Bedürfnis, sich gegen Reizüberflutung abzuschirmen.
Um sich wohlzufühlen, um neue Kraft zu schöpfen, brauchen Introvertierte Ruhe. Bei Extravertierten ist es genau umgekehrt. Um einen optimalen Erregungszustand zu erreichen, brauchen sie Anregung von außen, Musik, Gespräche, Aktion.
Aus diesem Grund zeigen sich Introvertierte nach innen gerichtet, weil für sie genau dort die Musik spielt, während Extravertierte sich nach außen orientieren und stimulierende Kontakte suchen.
Wer im Internet einen Partner sucht, hat nachweislich bessere Karten, wenn er sich als spontan, witzig, kontaktfreudig und unternehmungslustig beschreibt. Typische Eigenschaften von Extravertierten.
Eltern machen sich sogar Sorgen, wenn sie den Eindruck haben, dass ihr Nachwuchs zu wenig kontaktfreudig und durchsetzungsfähig ist.
Wer in sich gekehrt ist, eher zurückhaltend oder sogar etwas scheu, der könnte es, so wird befürchtet, schwerer haben im Leben.
Und das stimmt wahrscheinlich sogar.
Der Forscher Howard Giles hat 1994 zu Kommunikation in Gruppen geforscht. Das Ergebnis: Menschen, mit engagiertem Sprechstil, also etwas lauter und schneller, werden als kompetenter, offener und sympathischer wahrgenommen.
Führungspositionen werden oft mit Menschen besetzt, die eher forsch auftreten, weil man davon ausgeht, dass sie die Führungsrolle besser erfüllen können und durchsetzungsfähiger sind.
Diese sehr stereotype Vorstellung von Führungsqualität und Erfolgschancen hält sich seit Jahrzehnten und zudem ziemlich stabil.
- Introvertierte sind reflexionsbereit:
Introvertierte Führungskräfte sind oft introspektiv, sie beschäftigen sich mit eigenen Gedanken und Gefühlen, reflektieren Situationen und treffen auf dieser Basis dann fundierte Entscheidungen. Schnellschüsse sind unwahrscheinlicher und sie sind gut darin, ihre Ziele im Auge zu behalten. - Introvertierte sind gute Zuhörer:
Introvertierte Persönlichkeiten können sich selbst gut zurücknehmen. Sie können anderen zuhören, Aufmerksamkeit schenken und können Perspektiven anderer dadurch besser aufnehmen. Sie laufen weniger Gefahr eine Situation zu dominieren und andere zu überfahren. - Introvertierte sind bedacht:
Diese Besonnenheit schätzen wir überall dort, wo es auf genaue Analyse und gewissenhaftes Vorgehen ankommt. - Introvertierte sind unabhängiger:
Da sie ohnehin ihren Rückzug brauchen, kommen Introvertierte mit dem Alleinsein besser klar. Auch Introvertierte sind keine Insel, aber die Kontaktverbote während der Coronazeit waren für Extravertierte sicher die größere Herausforderung.
„Jahrelang hat man gelesen und gehört, dass Introvertierte im Vergleich zu Extravertierten benachteiligt sind, wenn es darum geht, als Führungskraft angesehen und in Führungspositionen befördert zu werden“, sagt James Lemoine, Professor für Organisation und Personalwesen an der Universität Buffalo.
Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass es nicht die Extravertiertheit ist, die über die Wahrnehmung von Führungsqualität entscheidet, sondern die Kommunikationsfähigkeit. Das ist wichtig, denn Kommunikationsfähigkeit kann man lernen.
Introvertierte kommunizieren aber nicht schlechter, sondern nur anders.
Die Professorin Francesca Gino konnte zusammen mit anderen Forschern zeigen, dass beide Arten von Führungskräften, die Extravertierten und die Introvertierten gleichermaßen erfolgreich oder ineffektiv sein können, je nach dem mit welchem Typ Mitarbeiter sie zu tun bekommen.
Extravertierte Führungskräfte sind weniger effektiv, wenn auch die Mitarbeiter extravertiert sind. In der Studie zeigte sich, dass extravertierte Führungskräfte mehr sich selbst und ihre eigenen Beiträge in den Mittelpunkt stellten und die Denkleistung des Teams weniger genutzt wurde. Das führte dazu, dass sich neue Ideen weniger zu profitablen Projekten entwickelten.
Die introvertierten Leader dagegen entschieden sich, Ideen eines engagierten Teams aufmerksam aufzunehmen, zu verarbeiten und dann umzusetzen. Die Leistungsfähigkeit des Teams wurde besser genutzt. Das Ergebnis war mehr Profit.
Wenn jedoch eine introvertierte Führungskraft ein Team von eher passiven, wenig proaktiven Mitarbeitern leitet, dann kann eine Mitarbeiterbesprechung schnell den Charakter eines Gesprächskreises bekommen. Dieses Team würde von einer extravertierten Führungskraft klar profitieren.
Extravertierte sind also nicht die effektiveren Führungskräfte. Durch ihre offensive Art gelingt ihnen aber die Selbstvermarktung wesentlich besser und sie verfügen eben über Eigenschaften, die zumindest traditionell mit den Erwartungen an Führungsverhalten verknüpft sind.
- Verbessern Sie Ihre Kommunikationsfähigkeiten! Zuhören können Sie bereits! Durch aktives Zuhören lassen sich Gespräche noch effektiver machen. Üben Sie das Sprechen vor Gruppen, lernen Sie Schlagfertigkeit und rhetorische Kniffe, um sich von anderen nicht dominieren zu lassen. Auch eine lebendige, gewinnende Sprechweise lässt sich üben.
- Werden Sie zum Netzwerker! Neue Kontakte zu knüpfen kann für Introvertierte eine Herausforderung sein. Wage Sie sich da voran, ruhig in homöopathischen Dosen: nehmen Sie an einer Veranstaltung teil, sprechen Sie Einzelpersonen an oder sprechen Sie eine Einladung aus. Wenn Sie Kontakte hergestellt haben, dann bleiben Sie dran und pflege Sie sie. Lassen Sie sich weniger bitten, seien Sie aktiv!
- Achten Sie ihr Bedürfnis nach Rückzug! Introvertierte können leicht aus dem Tritt kommen, wenn sie in einem Umfeld mit hohem Druck und großer Verantwortung arbeiten und nicht gelernt haben Grenzen zu setzen. Die Selbstfürsorge ist essenziell für Ihre Leistungsfähigkeit. Achten Sie auf unterstützende Kontakte, insbesondere in Ihrer Erholungszeit.
Wenn Sie also introvertiert sind, dann vertrauen Sie ganz selbstbewusst auf Ihre Stärken!