Den Job wechseln oder lieber nicht?
Bei einer im Juli 2023 durchgeführten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Statista waren von über 3000 Befragten - je nach Altersgruppe - zwischen 56 und 78 Prozent bereit, den Arbeitgeber zu wechseln: gegen bessere Bezahlung.
Jedoch, auch Flexibilität gehört für viele zum „Traumjob“!
Früheren Generationen ging es vorrangig darum, den Lebensunterhalt aufzubringen und ein gutes Auskommen zu haben. In der heutigen Zeit geht es uns -on top- auch um persönliche Entwicklung; wir wollen unsere besonderen Fähigkeiten einbringen und Freude haben an dem, was wir tun.
Wir beneiden Menschen, die sagen: „Ich habe meinen Traumjob gefunden“.
Ich kenne einige Personen, die ihren Beruf lieben, aber auch die finden nicht ALLES an ihrem Job toll. Möglicherweise müssen es also nicht 100% sein, die stimmen.
Die Frage ist vielmehr: Was brauchen Sie, um gerne zur Arbeit zu gehen? Wo sind Sie bereit Abstriche zu machen und wo auch nicht!
Und so finden Sie das heraus:
Hier eine Auswahl von zehn Kriterien als Beispiel:
- Wie wichtig ist es Ihnen, dass der /die Vorgesetze passt?
- Wie wichtig ist die kollegiale Zusammenarbeit im Team?
- Ist für Sie wesentlich, wo die Lage der Arbeitsstätte ist?
- Welche Rolle spielt das Gehalt oder die Gehaltsentwicklung?
- Wie wichtig ist die Sicherheit der Stelle?
- Wünschen Sie sich Aufstiegschancen?
- Wie wichtig ist es Ihnen, Gestaltungsspielraum zu haben?
- Sollte es eine Führungsposition sein?
- Brauchen Sie flexible Arbeitszeiten?
- Ist es Ihnen wichtig in Teilzeit arbeiten zu können?
Machen Sie diese Auflistung so detailliert, wie möglich. Je mehr Einzelaspekte Sie sich bewusst machen, desto besser können Sie Ihre jetzige Stelle und auch eine neue Stelle einschätzen!
Ersetzen Sie den einen oder anderen Punkt gerne durch eine andere Qualität, die für Sie bedeutsam ist.
Das könnte so aussehen:
- Rang 1: Partnerschaftliche Zusammenarbeit
- Rang 2: Eigenes Büro
- Rang 3: Maximal 1,5 Stunden für die Arbeitswege
- Rang 4: Mindestens € X000.- Gehalt
- Rang 5: ...
- Rang 6: ...
- Rang X:
Wie entscheidend dieser Schritt ist, möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen:
Tom, Mitarbeiter in einer Agentur für digitales Marketing bekam ein Angebot für eine Führungsposition in einer anderen Agentur, allerdings am anderen Ende von Berlin.
Es lockten € 500.- brutto mehr an Gehalt. Ein Umzug kam nicht in Frage, wegen der Familie, d.h. optimale Anbindung an Schule und Kindergarten etc..
Wegen der guten Bezahlung war er bereit, die tägliche Fahrzeit von 1 Stunde pro Strecke in Kauf zu nehmen. Nach ein paar Monaten stellte er dann fest, dass er nicht nur viel Lebenszeit in die Hin-und Rückfahrt investierte, sondern man von allen Mitarbeitern Überstunden erwartete, quasi als Beweis für echtes Engagement. Seine Familie hatte jetzt zwar mehr Geld zur Verfügung, aber deutlich weniger gemeinsame Zeit. Tom wurde immer unzufriedener und kündigte wieder.
Seine alte Agentur stellte ihn zum Glück gerne wieder ein. Er bekam jetzt wieder das geringere Gehalt, aber er konnte die familienfreundlichen Arbeitszeiten jetzt viel mehr schätzen. Durch die Erfahrungen in der anderen Agentur, hatte sich seine Perspektive verschoben. Oft nehmen wir Positives als Selbstverständlichkeit, bis wir die schmerzhafte Erfahrung machen, dass genau das in anderen Unternehmen ganz anders laufen kann.
Die Wichtigkeit des Gehalts hatte er überschätzt, die Bedeutung von Familienfreundlichkeit unterschätzt.
Machen Sie diesen Fehler nicht. Stellen Sie Ihre Kriterien auf, bringen Sie sie in Rangreihenfolge, damit Sie beim Vorstellungsgespräch die richtigen Fragen stellen können. Lassen Sie sich nicht korrumpieren durch etwas, was toll klingt, aber in Ihrem Ranking gar nicht auf den ersten Plätzen erscheint.
Es gibt Arbeitsplätze, die sind einfach toxisch. Da wird gemobbt, Mitarbeiter werden respektlos behandelt und Wertschätzung ist ein Fremdwort. Egal wie Ihr persönliches Ranking aussieht, solche Arbeitsplätze machen krank. Warten Sie nicht ab, sondern suchen Sie sich möglichst bald eine Alternative.
Aber auch, wenn der Arbeitsplatz gar nicht so schlecht ist, kann ein Jobwechsel richtig sein.
Beispielsweise, wenn Sie sich gerne verändern möchten oder wenn es keine Entwicklungsmöglichkeiten gibt, da wo Sie jetzt sind. Führen Die dann die Schritte 1 und 2 durch und prüfen Sie genau, ob ein eventueller neuer Arbeitsplatz oder auch eine anvisierte Selbstständigkeit Ihnen wirklich mehr bieten.
Ein Beispiel, dass das mehr als nur gutgehen kann kommt von Annika. Sie war als Immobilienmaklerin angestellt und verdiente ziemlich üppig. Allerdings fühlte sich oft bevormundet von der Geschäftsführung und war unzufrieden. Als ich sie fragte, was sie braucht, um sich auf die Arbeit zu freuen, sagte sie:
Darf ich mal träumen? Ich möchte schalten und walten wie ich will und niemanden fragen müssen, wenn ich eine Idee umsetzen will.
Inzwischen ist sie selbstständig, sie muss mehr arbeiten als vorher, um ihr Business aufzubauen. Aber sie ist trotzdem insgesamt viel zufriedener als im Angestelltenverhältnis.
Genauso kenne ich aber auch Menschen, die sich nach einer Phase der Selbstständigkeit gerne wieder anstellen ließen und damit dann zufriedener waren.
Zudem können sich Prioritäten natürlich auch verschieben über die Lebensspanne. Wer eine Familie gründet, setzt vielleicht stärker auf Sicherheit oder Flexibilität als in der Zeit davor.
Das empfehle ich beispielsweise, wenn wichtige Kriterien Ihrer Liste erfüllt sind, aber diese eine Sache Sie frustriert. Etwa der Wechsel in eine Führungsposition, der sich ewig hinzieht oder das Gehalt, dass trotz mehr Leistung schon lange nicht mehr angepasst wurde.
Gehen Sie in die Verhandlung und schauen, was sich machen lässt.
Ich kenne eine Führungskraft, die ganz ungeduldig und frustriert auf die Beförderung zur Abteilungsleitung wartete. Die Stelle hat sie nicht bekommen, aber sie hat deutlich gemacht, dass sie vorankommen will. Dabei war sie so überzeugend, dass sie jetzt die Vertriebler im Unternehmen coachen darf. Dabei hat sie festgestellt, dass ihr das Spaß macht, möglicherweise mehr als der nächste logische Schritt auf der Karriereleiter.
Es ist also wichtig, auch offen zu sein!
Und bei aller Analyse im Vorfeld, gehört immer auch ein Quäntchen Glück dazu, den optimalen Arbeitsplatz zu finden!
Denn wir können im Vorfeld nicht alles absehen, was in einem anderen Unternehmen auf uns zukommt.
Wenn Sie unzufrieden sind mit Ihrer beruflichen Situation, dann prüfen Sie zunächst, ob sich Ihre Perspektive verschoben hat. Das passiert nämlich leicht. Die Frustrationsquelle erscheint riesig und das Positive wird kaum noch wahrgenommen. Mit dem Definieren Ihrer Kriterien und deren Ranking (Schritt 1 und Schritt 2) stellen Sie Ihre Entscheidung auf sichere Füße.